Pressemitteilung - 01. Februar 2010

Hochschulnachrichten: Die Tagung „Mapping the Studio. Das Atelier in der zeitgenössischen Kunst

„Mapping the Studio. Das Atelier in der zeitgenössischen Kunst“ hieß die internationale Tagung an der Kunstakademie Düsseldorf, die vom 29. bis 31. Januar 2010 von Prof. Dr. Guido Reuter (Kunstakademie Düsseldorf) und Prof. Dr. Martin Schieder (Universität Leipzig) organisiert wurde und die vergangenen Freitag von Prof. Dr. Martin Schieder mit dem Vortrag „ Gerhard Richter ‚Atelier‘ 1985“ eröffnet wurde. Weitere Vorträge von nationalen und internationalen Referenten zum Thema „Das Atelier in der zeitgenössischen Kunst“ folgten bis Sonntag, 31. Januar 2010.

Über die Tagung „Mapping the Studio. Das Atelier in der zeitgenössischen Kunst“


„Das Atelier ist meist ein hoher Raum mit entsprechender Beleuchtung“, heißt es nüchtern im Lexikon der Kunst, Foucault hingegen zählt es zu den „espaces autres“. Tatsächlich ist das Atelier nie nur Werkstatt, ein Produktionsraum und Ort der Kreativität, sondern auch ein mythischer Ort, ein Kultraum, in dem der Künstler, von der Außenwelt zurückgezogen, nach dem unbekannten Meisterwerk sucht. Zugleich ist es Treffpunkt von Künstlern, Sammlern, Kritikern und Literaten, ein öffentlicher Ort, wo der Unternehmer Künstler seine neuesten Werke präsentiert. Das Atelier und seine bildnerische Darstellung sind daher also auch immer Ausdruck des sozialen Selbstverständnisses des Künstlers.

Seit dem Zweiten Weltkrieg erfährt das Atelier gleichwohl eine radikale Umdeutung und Erweiterung. Die Dekonstruktion der Idee von der künstlerischen Autonomie sowie der Tod des Autors rauben dem Ort die Aura des Mythischen. Neue Techniken und künstlerische Verfahren verlangen heute eher ein Labor, einen Schnittplatz oder nur einen Laptop. Die Globalisierung des Kunstbetriebes und die Interkulturalität der Kunst treiben den Künstler aus seinem Atelier. Vor diesem Hintergrund sieht sich der Künstler gezwungen, dessen Tradition und Funktion kritisch zu reflektieren und dieses als einen polyvalenten Raum anzusehen: Andy Warhol macht das Atelier zur factory; Daniel Buren und andere verlassen oder zerstören es gar; Rirkrit Tiravanija transloziert sein New Yorker Atelier in den Kölner Kunstverein und heißt das Publikum Tag und Nacht willkommen; Paul McCarthy läßt sein Atelier samt Inventar von Kalifornien nach Sankt Gallen verfrachten, wo es als nicht betretbare „Box“ ausgestellt wird; Thomas Demand rekonstruiert das Atelier von Jackson Pollock in Pappmaché, um es anschließend zu photographieren; Bruce Nauman nimmt mit einem Nachtsichtgerät das vom Künstler verlassene Studio auf, in dem nachts Katz und Maus zu den Protagonisten seiner Videos werden.

Die Tagung ging den Fragen nach, wozu das Atelier nach 1945 dient beziehungsweise welche Aufgaben es übernommen und heute noch inne hat, welche es verloren hat, welche neuen und anderen Orte es besetzt und über welche Potentiale es verfügt. In vier Sektionen sollen Formen und Funktionen des Künstlerateliers in Nachkriegszeit, Postmoderne und Gegenwart diskutiert werden. Es wird zu fragen sein, ob und in welcher Form das Atelier als eines der klassischen Ikonographien in der zeitgenössischen Kunst noch Verwendung findet. Denn mit der Infragestellung des avantgardistischen Kunstverständnisses erfährt das Atelier seit den 1960ern Jahren seine eigene Dekonstruktion und Dislokation. Der Verlust der Utopie vom Künstlergenie sowie eine neue Institutionskritik finden u.a. ihren Ausdruck in der Aufforderung, das eigene Atelier zu verlassen und in situ zu arbeiten. Dennoch gilt es, das Atelier als konkreten Raum und Ort aufzusuchen, in dem der Künstler arbeitet und eine ausgewählte Öffentlichkeit empfängt. Folgte die Architektur des Ateliers meist traditionellen Bautypen des Atelier- und Künstlerhauses, erfährt sie seit 1945 neue Gestaltungsformen. Zugleich bleibt das Atelier immer bevorzugter Ort der künstlerischen Inszenierung. Dies kann daran abgelesen werden, daß die Künstler nicht nur an der Ikonographie des Ateliers festhalten, um sie ästhetisch und programmatisch zu positionieren, sondern es selbst zum Kunstwerk erheben. In jüngerer Vergangenheit ist eine dazu gegenläufige Entwicklung der Historisierung und Re-Mythisierung zu beobachten, die in der minutiösen Rekonstruktion verschiedener Ateliers verstorbener Künstler artikuliert wird.

Im Anschluss an die Tagung bestand die Möglichkeit, das Atelier des Rektors der Kunstakademie Düsseldorf, Prof. Anthony Cragg, zu besuchen.

Prof. Dr. Martin Schieder (Organisator der Tagung), Prof. Dr. Guido Reuter (Organisator der Tagung), Dr. Carina Plath (Referentin des 3. Veranstaltungstages) und Prof. Dr. Siegfried Gohr (Prorektor der Kunstakademie Düsseldorf und Moderator des 1. Veranstaltungstages) Foto: © Jonas Gerhard